Sind Babyzeichen wirklich nötig?

Babyzeichen als Modeerscheinung?!

Das Sprachverstehen geht der Sprachproduktion stetig voraus

Babys verstehen bereits sehr viel von dem was wir als Mama oder Papa an sie richten. Seine Möglichkeiten mittels Worte zu antworten, ist allerdings nur sehr begrenzt möglich: maximal als Lautvariation (vocal play, kanonisches oder reduplizierendes Lallen). Erste echte Wörter treten frühestens um den 1. Geburtstag auf.

 

Sind Babyzeichen eine Modeerscheinung?

Was in anderen Nationen bereits zum Standardprogramm der Eltern zählt, kommt auch in Deutschland immer mehr in Mode: Babyzeichen (Babysigns). Auch bekannt unter den Begriffen Babyhandzeichen, Zwergensprache oder sprechende Hände. Durch einfache Handzeichen wird miteinander kommuniziert. Eltern können damit ihre Kinder verstehen bevor sie richtig sprechen können.

 

Für mich als Mama und Logopädin eröffnen sich folgende Fragen:

 

Ist es wirklich hilfreich und empfehlenswert Babyzeichen einzusetzen?

 

Stellen Babyzeichen nicht bereits in frühester Babyzeit eine elterliche Frühförderung dar, die unnötig ist?

 

Werden Babyzeichen als Teil der gestischen Ausdrucksform als natürliches Mittel eingestuft?

 

Bedürfnissignalisierung mittels Gebärden

Basierend auf der deutschen Gebärdensprache werden Gegenstände, Tätigkeiten, Eigenschaften und Objekte sprechbegleitend symbolisiert. Vivian König (Gründerin der Zwergensprache) beschreibt, dass bereits 6 bis 9 Monate alte Säuglinge signalisieren, wenn sie Hunger oder Durst haben und dass sie nach Hause wollen. Wenn ich im engen Kontakt mit meinem Kind stehe, kann ich das allerdings auch ohne zusätzliche Babyzeichen erkennen. Wenn mein Kind Hunger hat, steckt es sich vermehrt einen Finger oder sogar die ganze Hand in den Mund und wird immer unruhiger und quengeliger. Es möchte nur noch zu mir. Bei ganz starkem Bedürfnis dreht es sein Köpflein auch in Richtung Brust. Mit seinen jetzigen 10 Monaten krabbelt es zum Tisch, richtet es sich eigenständig auf und versucht nach seiner Tasse zu greifen, die in unmittelbarer Reichweite steht. Genauer differenziert ist es eine Signalkette, die das Bedürfnis Hunger/ Durst ausdrückt. Ähnliches kann ich auf andere Bedürfnisse übertragen: Schlafbedürfnis, Bedürfnis nach Ruhe, Ausscheidungsbedürfnis, Bedürfnis nach Spielen/ Entdecken und Erforschen. Es sind natürliche Ausdrucksformen, die von Kind zu Kind unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Dennoch sind sie alte und universelle Muster, mit denen jedes Baby auf die Welt gekommen ist.

Kommunikation bahnt sich ihren Weg.

Schließlich ist die soziale Interaktion ein sehr stark ausgeprägtes Urbedürfnis.

 

Erzieherischer Charakter von Babyzeichen

Babyhandzeichen und die entsprechenden Kurse wirken sehr erzieherisch im Sinne: dem Kind muss etwas beigebracht werden. Ein latentes Ziel schwebt mit. Die Erwartungshaltung zeigt sich im Wunsch, dass das Kind bald das neu eingeführte Zeichen eigenständig ausführt. Indem Babyzeichen angewendet werden, wird versucht, das Kind in eine erwünschte Form zu bringen. Das beginnt bereits mit der Auswahl der ersten Babygebärden. Vielleicht findet es aber eigenständig entwickelte Zeichen viel passender…?! Setzen sich Eltern nicht unbewusst unter Druck getreu dem Motto: Mein Kind soll besonders kommunikativ werden, mein Kind soll besonders viele Gebärden anwenden… Es scheint bereits vor Eintritt in die Betreuungsform Krippe oder Tagesmama sehr verschult zu wirken- besonders, wenn den Erziehern dann auch noch eine Übersicht der bisherigen Gebärden zugespielt wird!! Es entsteht dann sogar bei mir das Bild, dass zum Kind eine Bedienungsanleitung für den Sektor Kommunikation geliefert wird! Bedenke: dein Kind ist erst wenige Monate auf der Welt… ! Ich finde das völlig unnötig und überzogen.

 

Die verborgene elterliche Angst

Dahinter versteckt sich vielmehr die elterliche Angst, dass das Kind ein Versager werden könnte oder die Angst, dass das eigene Kind in der heutigen Gesellschaft nicht mithalten könnte- deshalb wird so früh wie möglich mit zusätzlicher Förderung begonnen!

 

Lasst Kinder bitte einfach Kinder sein!

 

 

Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten

Von den Befürwortern von Baysigns wird zudem auch propagiert:

 

Je mehr ein Kind selbsttätig werden kann, desto mehr Vertrauen entwickelt es in seine eigenen Fähigkeiten und umso selbstbewusster und glücklicher wird es.

 

Ich bezweifle stark, dass mein Kind nur durch die Handzeichen alleine Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten kennenlernt. Vielmehr geht es doch um die innere Haltung unserem Kind gegenüber. Die Haltung sollte meines Empfindens nach auf dem Fundament von Achtsamkeit, Respekt und Vertrauen basieren. Wenn mein Kind Hilfe braucht und dies anzeigt, kann ich immer noch getreu dem Prinzip Montessori`s Hilf mir, es selbst zu tun! interagieren. Vertrauen und Selbstwirksamkeit kann es durch Babygebärden erhalten. Ebenso aber auch durch das Anbieten zahlreicher anderer Möglichkeiten, sich eigenständig ausprobieren zu dürfen. Den Säugling erst einmal lange selbst probieren lassen, spielen lassen, auch wenn es nicht gleich auf Anhieb funktioniert! Babys lieben Wiederholungen.

 

Kompetentes Gestenrepertoire bei unter 1 Jährigen

Unter Betrachtung der Gestenentwicklung aus logopädischer Sicht sind unsere Kinder unter einem Jahr bereits sehr kompetent. Sie können auf Objekte mit ihrem Zeigefinger zeigen. Diese deiktische Geste wird als eine der ersten Gesten beobachtet. Auch das klassische Kopfnicken (für Nein) ist eine weitere Geste. Der ausgestreckte lange Arm in Richtung Mama ist ebenso eine Geste. Auch den Kopf kuschelnd an ein Kopfkissen gelehnt stellt eine Geste dar. Die Winke- Geste wird auch allen bekannt sein. Gesten treten auch nicht isoliert auf. Sie kommen immer auch mit einer abgestimmten Mimik zum Ausdruck. Das ist vollkommen natürlich. Gebärden als solche sind nicht natürlich. Bereits durch Mimik und Gestik können sich Kinder variationsreich ausdrücken. Jede Botschaft sucht sich die Ausdrucksform, die Ideal in der jeweiligen Situation erscheint!

 

Intuitive Anpassung an das kindliche Kommunikationsniveau

In der Kommunikation mit deinem Kind nutzt auch du unabsichtlich intuitive Kommunikationsformen. Siehe dazu auch meinen Artikel an! Dadurch passt du dich automatisch dem Kommunikationsniveau deines Kindes an. Am Beispiel des Motherese verdeutliche ich das einmal: Motherese ist eine Sprachvarietät, die instinktiv gegenüber Babys und Säuglingen bei jedem Menschen zum Ausdruck kommt. Sie ist durch eine hohe Tonlage, ein vermindertes Sprechtempo, eine überzogenen Betonung und überdeutlichen Aussprache sowie Wiederholungen und Vermeidung komplizierter Sätze gekennzeichnet.

 

 

Sprechende Hände als ergänzende Ausdrucksform

Babyzeichen sind eine Ergänzung

Ich bin der Meinung, dass Babyzeichen eine gute Ergänzung sein können. Allerdings geht es auch ohne- insbesondere wenn du als Mama oder Papa deinem Kind Aufmerksamkeit und Zeit schenkst, es beobachtest und ihm respektvoll und achtsam begegnest! Lass dich nicht verunsichern, nur weil du keinen Babyzeichenkurs besucht hast. Du hast sicherlich intuitiv eigene „Zeichen“ bzw. eine Kommunikationsbrücke mit deinem Kind entwickelt! Andererseits können Babyzeichen eine kommunikative Bereicherung darstellen. Gerade für Kinder, deren kommunikative Fähigkeiten eingeschränkt sind (z. B. Besondere Kinder*). Für diese Zielgruppe können Babyzeichen bereits in frühester Entwicklung eine Möglichkeit darstellen, in einer Form einen Kontaktaufnahme zu beginnen, wenn die Lautsprache stark reduziert ist oder fehlt. Dadurch bereichern wir ihnen die soziale Teilhabe und damit verbunden ein großes Stück mehr an Lebensqualität. Gebärden sind unterstützender Begleiter für die frühe Kommunikation. Im Grunde ist es eine Wahrnehmungsverstärkung auf das motorisch- visuelle.

 

Sprache sucht sich seinen individuellen Weg, um „gehört“ zu werden!

Nimmt die Mama gewisse Handzeichen ihres Kindes nicht wahr oder missdeutet sie, wird das Kind versuchen auf eine andere Art und Weise (z. B. jammern, Hinbewegen zur Mama) sich verständlich zu machen.

 

Das heißt: Kommunikation ist mehr als Babygebärden!

 

 

 

 

 

*Besondere Kinder sind in diesem Artikel Kinder, die aufgrund eines angeborenen oder erworbenen Ereignisses eine körperliche, kognitive und oder Sinnesbeeinträchtigung haben. Oftmals sind sie der verbalen Sprache kaum mächtig.

 

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